Respektlos? Zur Diskussion um Stuttgarts Silas Wamangituka

Respektlos? Zur Diskussion um Stuttgarts Silas Wamangituka

Der 10. Spieltag neigte sich schon seinem Ende entgegen, als er nochmal einen echten Aufreger erlebte: Silas Wamangituka vom VFB Stuttgart marschierte, hatte den Bremer Torhüter hinter sich gelassen und spazierte zehn Sekunden lang auf das leere Tor zu, bevor er zum vorentscheidenden 2:0 einschob. Einige Bremer fanden dies respektlos und der Schütze kassierte die gelbe Karte. Die Diskussion hat verschiedene Facetten.

So lieferte der emsige Sportschau-Kommentator direkt bei der Zusammenfassung einen Blick ins Regelbuch: Der Treffer hätte wahrscheinlich gar nicht zählen dürfen. Schließlich bewertete der Schiedsrichter die Aktion offenbar als Unsportlichkeit, zückte er doch die gelbe Karte. Letztere dürfte kaum für die Geschehnisse unmittelbar nach dem Tor gezückt worden sein. Schließlich nahm Wamangituka lediglich die Hände hoch und verhielt sich dezent, als Bremens Davie Selke auf ihn zu rannte und ihm die Meinung geigte.

Hätte das Tor zählen dürfen?

Das bedeutet: Eine etwaige Unsportlichkeit dürfte eigentlich nur stattgefunden haben, bevor der Ball die Linie überquerte. Und wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte die Aktion unmittelbar abgepfiffen werden müssen. Somit wäre es nicht mehr zum Tor gekommen. Bedenkt man, dass Selke zwei Minuten später noch zum 1:2 Anschluss traf, gewinnt diese Frage zusätzliche Brisanz.

Neben der regulatorischen lohnt sich eine moralische Betrachtung des Vorgangs. War das wirklich unsportlich? „Damit muss er leben, nicht wir“, erklärte Bremens Gebre-Selasie im Interview nach dem Spiel. Zunächst ist zu betonen, dass es diverse Fälle gab, in denen ähnliche Aktionen nicht geahndet wurden:

  • Im Dezember 2012 lief Marco Raus im Trikot von Borussia Mönchengladbach während der letzten Sekunden eines Pokalspiels auf das Schalker Tor zu, trat vor der Torlinie nochmal in einer fließenden Bewegung mit einem Fuß auf den Ball und mit dem anderen dagegen.
  • Im März 2006 lief Tomáš Rosický für den BVB beim Auswärtsspiel in Hamburg mit in die Luft gereckten Armen auf das leere Tor zu, bevor er den Ball zum 4:2-Endstand über die verwaiste Linie bugsierte.
  • Wie die Redaktion von „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ ausfindig machte, wurde ein Tor von Karl-Heinz Rummenigge im Juli 1981 sogar von den ARD-Zuschauern zum Tor des Monats gewählt. Dabei hatte der heutige Bayern-Boss den Torwart des FC Brügge stehen lassen und zog vor der Torlinie sogar noch einmal zurück, um sich den Ball hochzulegen und mit dem Kopf einzunicken.

Und kann etwas, das Karl-Heinz Rummenigge tut, moralisch verwerflich sein? Spaß beiseite, natürlich mag es etwas unglücklich aussehen, dass Wamangituka so lange wartet, bis der geschlagene gegnerische Torwart fast wieder da ist. Den Ball zwei Sekunden früher über die Linie zu bringen, hätte nicht geschadet. Andererseits muss man sich vor Augen führen, dass der Spieler möglicherweise davon ausgegangen war, das Spiel würde nach seinem Tor gar nicht mehr angepfiffen werden. Und ist es wirklich besser, Batman- und Robin-Masken im gegnerischen Tor zu deponieren, in der Erwartung, exaltiert vor der eigenen Fankurve jubeln zu können? Ist es besser, beim Torjubel auf den Zaun zu springen und mit Fans ein Selfie zu machen?

Bitte etwas weniger Drama, etwas weniger Moralapostelei!

(Foto: AFP)

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