„In Frankfurt kauft er Koka“ – Daum und die Eintracht-Fans

„In Frankfurt kauft er Koka“ – Daum und die Eintracht-Fans

Anfang Februar 2020 ging ein kurzes Video zunächst über Twitter viral. Dieses zeigt den ehemaligen Bundesliga-Trainer Christoph Daum in einem Zug sitzend. Er wird umgeben von dutzenden Fußball-Fans, die ihm ein etwas ungewöhnliches Ständchen singen: „Christoph Daum ist wieder da und in Frankfurt kauft er Koka“ – zur weltbekannten Melodie des Hits „Tom’s Diner“ von Suzanne Vega.

Das Ganze hat eine gewisse Komik auf mehreren Ebenen. Zum einen durch den Gegensatz der euphorischen Schlachtenbummler, die das ganze Abteil wackeln lassen und den Fußballlehrer, der keine Miene verzieht und die „Würdigung“ mit bemerkenswerter Nüchternheit erträgt.

„Nüchtern“ ist hier ein gutes Stichwort, denn die Szene gewinnt auch durch die Selbstironie aller Beteiligten ihren besonderen Charme. Bei den Sängern handelt es sich um Fans von Eintracht Frankfurt auf dem Rückweg von einem Auswärtsspiel in Düsseldorf. Diese gehen hier sehr locker damit um, dass die Main-Metropole von einigen Seiten mit ihren Drogenumschlagplätzen assoziiert wird. Generell sind die Eintracht-Fans bekannt für ihren entspannten Umgang mit den Vorurteilen, die Frankfurt anhaften.

Daum und Eintracht haben gemeinsame Geschichte

Doch auch Daum bleibt hier bemerkenswert souverän. Immerhin wird hier Bezug genommen auf eine für ihn wahrscheinlich schmerzliche Erinnerung: seinen Kokain-Skandal von Anfang des Jahrtausends. Damals sollte er das Amt des Bundestrainers antreten und ließ freiwillig eine Haarprobe untersuchen, um Gerüchte über seinen Drogenkonsum zu entkräften. Das Ergebnis ist bekannt.

Last but not least haben Daum und die Eintracht noch eine gemeinsame Geschichte. Beim letzten Abstieg der Frankfurter in die 2. Bundesliga saß der studierte Sportwissenschaftler auf dem Trainerstuhl. In der Saison 2010/11 hatte Eintracht eine fulminante Hinrunde hingelegt und stürzte in der Rückrunde beispiellos ab. Daum wurde unter reichlich medialem Geklimper als „Feuerwehrmann“ und Ersatz für den glücklosen Michael Skibbe verpflichtet.

Seine Frankfurter Amtszeit war jedoch eher geprägt von verwirrenden Erfolgsformeln mittels neurolinguistischer Programmierung, wüsten Beschimpfungen in Richtung des Hessischen Rundfunks und der Ankündigung, den andauernd erfolglosen Stürmer Theofanis Gekas „aus seinem Denkgefängnis“ zu befreien. Praktisch konnte Daum jedoch weder die schwachen Leistungen seiner Spieler verbessern, noch den Abstieg verhindern.

Tendenziöse mediale Aufbereitung

Umso schöner, dass die Fans, die auf dem Zug-Video zu sehen sind, offenbar keinen Groll hegen, sondern Daum wie einen alten Kumpel für „wieder da“ erklären. Sehr schade hingegen, wie einige Medien diesen Vorfall aufgearbeitet haben. So bemühte der Nachrichtensender n-tv sich, die Eintracht-Fans in die Randalierer-Ecke zu stellen. Es sei zu „Beleidigungen“ gegenüber Daum gekommen, heißt es im begleitenden Text zu einem Telefoninterview, das auf der Website veröffentlicht wurde.

Ähnlich tendenziös ist die gewählte Schlagzeile: „Daum schildert ‚bedrohlichen‘ ICE-Zwischenfall“. Wer sich die Mühe macht, das Video von n-tv anzuschauen, merkt schnell, dass diese Aussage überhaupt nicht zu den Schilderungen des Trainers passt. Daum erklärt zwar, die Situation habe zunächst „ungewohnt und vielleicht sogar bedrohlich“ gewirkt – er führt hier aber vor allem die beengten Platzverhältnisse an. Anschließend sei er mit den Fans gut im Gespräch gewesen. Hilfe, die ihm Polizisten angeboten hätten, habe er nicht in Anspruch genommen, mit der Begründung: „Die Situation ist unter Kontrolle“.

Mit welchem Interesse n-tv hier versucht, den Rahmen eines Konflikts zu ziehen und das Klischee der ständig gewaltbereiten Ultras zu bemühen – darüber kann nur spekuliert werden. Angeblich sollen Skandale und Empörungen für Auflagen, Klicks und Reichweite sorgen. Ein Nachrichtensender sollte jedoch nicht zu solchen Mitteln greifen. Neben der Tatsache, dass man den Journalisten hier ein handwerklich schlechtes Zeugnis ausstellen muss, ist ein solches Vorgehen auch moralisch nicht integer und schadet dem Ruf der Branche.

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