Liebe ist... – Zum Karriereende von André Schürrle

Liebe ist... – Zum Karriereende von André Schürrle

André Schürrle hat seine Karriere beendet. Mit 29 Jahren verlässt der Mann, der die entscheidende Vorlage im WM-Finale 2014 gab, die Fußballbühne. Eine Karriere, die verheißungsvoll begann, entwickelte sich zu einer zähen Odyssee, geprägt von enttäuschten Erwartungen, hoffnungsvollen Neuanfängen und gigantischen Transfersummen.

„Wer sowas macht, der hat den Fußball nie geliebt“, tönte Bayer Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler im Jahr 2015 und meinte damit Marcell Jansen, der im Alter von nur 29 Jahren nach dem Auslaufen seines letzten Vertrags beim HSV sein Karriereende verkündete.

Solche Pauschalaussagen hallen nach und werden immer wieder gern hervorgeholt, wenn sie in anderen Kontexten passend erscheinen. So nun auch im Falle von André Schürrle, wie Jansen Ex-Nationalspieler, wie Jansen Ex-Riesentalent und wie Jansen schon vor dem 30. Geburtstag fertig mit dem Profifußball.

Als Korrelat zum meinungsstarken Völler kann hier vielleicht Ewald Lienen gesehen werden. Anlässlich der EM 2016 sprach der damalige Trainer des FC St. Pauli kritisch über die Bürden heutiger Fußballprofis. „Die Spitzenspieler sind für mich völlig überlastet“, stellte der Übungsleiter fest. Hier wären wir nun bei Schürrle angekommen. Wer ihn in den vergangenen Jahren beobachtete, gewann schnell den Eindruck, als ziehe eine tonnenschwere Last an ihm.

Ein schönes Jahr mit den Bruchweg-Boys

Als der Blondschopf 2009 bei Mainz 05 durchstartete, war genau das Gegenteil der Fall. Eine gewisse Spitzbübigkeit zeichnete den Jungen aus, der in Interviews einen leicht pfälzischen Einschlag im Sprachduktus nicht verbergen konnte und wohl auch nicht wollte. Auch auf dem Platz profitierte Schürrle in den ersten Jahren hauptsächlich von seiner Unbeschwertheit. Pfeilschnell ohnehin, zeigte er sich auch mutig und vor allem schussgewaltig im Torabschluss.

Schon im Jahr 2010 erlebte Schürrle sein vielleicht schönstes Jahr auf Vereinsebene. Mainz-Manager Christian Heidel tat einen Glücksgriff, indem er einen gewissen Lewis Holtby von Schalke 04 auslieh. Gemeinsam mit ihm und dem ungarischen Stürmer Ádám Szalai formte Schürrle die „Bruchweg-Boys“, die ihre Tore mit Luftgitarren- und Schlagzeug zu feiern pflegten. Unter dem Jungcoach Thomas Tuchel spielte die Mannschaft groß auf, besetzte in der ersten Hälfte der Hinrunde sensationell die Tabellenspitze und schlug sogar die Bayern unter van Gaal in deren eigenem Stadion.

Es kam, wie es kommen musste: Nach einem hervorragenden 5. Platz in der Abschlusstabelle und starken 15 Saisontreffern wollte Schürrle den vielbeschworenen „nächsten Karriereschritt“ machen. Dieser führte einige Kilometer rheinaufwärts nach Leverkusen. Auch hier ließ sich das ganze ziemlich gut an. Schürrle konnte mit dem Ball am Fuß an mehreren Gegenspielern vorbeiziehen und vermochte so auch mal, eine ganze Spielfeldhälfte zu durchqueren. An seinen besten Tagen glich er einem spiegelverkehrten Arjen Robben, wenn er über die linke Seite nach innen zog und die Bälle mit seinem rechten Huf von jenseits der Strafraumkante ins Eck schweißte.

Zwei Jahre später musste er wieder her, der „nächste Karriereschritt“. Der FC Chelsea bezahlte 22 Millionen Euro, um sich die Dienste des gebürtigen Ludwigshafeners zu sichern. Viele, die es heutzutage besser wissen, sehen hier den entscheidenden Knackpunkt in Schürrles Karriere. Denn von nun an schienen die Ablösesummen, die für Schürrle aufgerufen wurden, nicht mehr im Verhältnis zu seiner Leistung zu stehen. Letztere erhielt hin und wieder die Dellen, von denen sich außer Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kaum ein Fußballprofi freisprechen kann.

Riesige Transfersummen, riesige Erwartungen

Der VFL Wolfsburg bezahlte 2015 satte 32 Millionen Euro für ihn, Borussia Dortmund ein Jahr später immer noch 30 Millionen. Die starken Phasen in beiden Stationen waren nicht von Dauer. Nun gibt es Persönlichkeiten im Weltfußball, an denen scheinen solche Summen abzuperlen wie an Teflon und ebenso die Kritiker, die solche Beträge als ungerechtfertigt postulieren. André Schürrle jedoch schien eben nicht zu jenen zu zählen.

Im Gegenteil wirkte er immer wieder angefasst von andauernden Erwartungshaltungen und von andauernder Kritik. Schürrle liebte den Fußball und nicht das Fußballgeschäft. Dies ist zumindest der Eindruck, denkt man an seinen Karrierefrühling oder an sein gutes Jahr während der Ausleihe nach Fulham. Ein Fernsehteam, das ihn hier besuchte, zeigte einen gut gelaunten Schürrle, der es genoss, bei einem Traditionsverein zu spielen und sich in die Herzen der leidenschaftlichen Fans zu laufen. Trotz guter Leistungen konnte er den Abstieg nicht verhindern.

In die Zeit beim FC Chelsea fiel auch jene eine Szene, für die Schürrle immer in Erinnerung bleiben wird. In der Nationalelf hatte er schon in seinen ersten Einsätzen immer wieder mit Jokertoren auf sich aufmerksam gemacht und war während der Qualifikation zur WM 2014 regelrecht aufgeblüht. Eine seiner stärksten Auftritte etwa war das letzte Qualispiel in Schweden, als Schürrle mit einem Dreierpack das Spiel im Alleingang entschied – Endstand 5:3.

Beim Turnier in Brasilien war Schürrle in Abwesenheit seines Freundes Marco Reus die erste Alternative hinter den Offensivkräften Özil, Müller, Klose und Götze. So hatte er das Team als Einwechselspieler bereits im schwierigen Achtelfinale gegen Algerien auf die Siegerstraße gebracht und zwei Treffer zum legendären 7:1-Halbfinalerfolg gegen den Gastgeber beigesteuert.

Im Finale gegen Argentinien wurde er früh für den viel defensiver ausgerichteten Christoph Kramer eingewechselt. Als die dramatische Partie in die Verlängerung ging, bekam Schürrle kurz hinter der Mittellinie den Ball und legte einen Sprint ein. Seine Flanke mit dem schwächeren linken Fuß verwertete ebenso hochwertig Mario Götze, über den sich viele Sätze im vorliegenden Text fast wortgleich schreiben ließen – der aber noch zwei Jahre jünger ist.

Mit Blick auf Laufbahnen von Schürrle, Götze, Jansen, Mesut Özil oder auch Bastian Schweinsteiger, dem Ewald Lienen auf oben genannter Pressekonferenz „mit 31 schon gefühlt die Karriere eines 37-Jährigen“ bescheinigte, drängt sich die Frage nach der Notwendigkeit einer Entschleunigung des Profifußballs auf diversen Ebenen auf. Es wäre schön, wenn Spieler die Grenzen des körperlichen Verschleißes und der mentalen Erschöpfung nicht überschreiten müssten, um zu beweisen, dass sie den Fußball lieben.

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