Der Star war die Mannschaft: Deutschlands Europameister-Titel 1996

Der Star war die Mannschaft: Deutschlands Europameister-Titel 1996

Morgen startet endlich die Europameisterschaft und deshalb kann es für unsere neuste Ausgabe des Throwback Thursday nur ein Thema geben: Vor exakt 25 Jahren wurde Deutschland letztmals Fußball-Europameister. Wir erinnern uns an ein faszinierendes Turnier in England.

Wenn das erste Turnier, das man als leidenschaftlicher Anhänger der deutschen Nationalmannschaft verfolgt, gleich mit dem Titel endet – was will man mehr? Als Oliver Bierhoff im Finale von Wembley das Golden Goal gegen Tschechien erzielt hatte, kullerten mein bester Freund und ich in inniger Umarmung über den Boden.

Aber schon die vorherigen Wochen, der ganze Sommer, waren magisch, damals 1996. „Der Star ist die Mannschaft“, das Mantra von Bundestrainer Berti Vogts, waberte wochenlang durch Funk und Fernsehen, im ständigen Duett mit der Turnierhymne „Three Lions (Football’s Coming Home)“ – bis heute wohl der tollste Mottosong, der je für eine Europa- oder Weltmeisterschaft eingespielt wurde. Der Star sollte also die Mannschaft sein.

Dabei war für meine Begriffe die Mannschaft doch voller Stars. Möller, Sammer, Häßler, Köpke, Klinsmann – das waren für mich damals allesamt Giganten. Wenn die alle auch noch zusammenspielen, dachte ich in kindlicher Naivität, wer sollte die dann bitteschön schlagen können? Doch da man ja jedes Spiel noch im Free TV verfolgen konnte, wurde mir schnell klar, dass andere Mütter eben auch schöne Töchter haben. Sprich: Da gab es so manches wirklich starke Team.

Vor allem Gastgeber England prägte das Turnier mit Alan Shearer, der Tor um Tor schoss, mit diesem verrückten und spielfreudigen Paul Gascoigne oder mit Verteidiger-Kante Stuart Pearce, der so englisch aussah, wie man nur englisch aussehen konnte und der einem keine andere Wahl ließ, als ihn cool zu finden. Mit einer beeindruckenden Vorstellung fegte das Team die ambitionierten Niederländer im letzten Gruppenspiel mit 4:1 vom Platz.

In einem epischen Halbfinale traf dann England im Wembley-Stadion auf Bertis Jungs. Nach Shearers frühem Kopfballtor wurde uns allen schon ganz flau im Magen, doch Deutschland schlug zurück und Stefan Kuntz erzielte den Ausgleich. In einem der spannendsten Spiele, an die ich mich überhaupt erinnern kann, ging es hoch und runter. Vor allem in der Verlängerung hatten beide Mannschaften mehrfach die Gelegenheit zum Siegtreffer.

Wieder war es Kuntz, der den Ball sogar ins Tor bugsierte, doch der Schiedsrichter erkannte den Treffer wegen eines vermeintlichen Stürmerfouls ab – wir waren außer uns vor Empörung. Auf der anderen Seite rutsche Gascoigne nur hauchdünn an einer Hereingabe und damit am sicheren Treffer vorbei. Wären seine Beine ein paar Zentimeter länger gewesen – die Geschichtsschreibung wäre eine andere.

Southgate verschoss – und Möller knallte ihn unter die Latte

So kam es zum Elfmeterschießen, in dem auf beiden Seiten alle fünf Schützen souverän verwandelten. Anschließend war es bei England der heutige Nationaltrainer Gareth Southgate, der verschoss. Für Deutschland knallte Andreas Möller den Ball daraufhin unter die Latte. Dass es ein paar Tage später gegen den Außenseiter Tschechien zu einem ähnlichen Krimi kommen sollte, wusste damals noch niemand. Doch von diesem genialen Karel Poborsky haben wir an anderer Stelle schon berichtet.

Ähnlich wie bei der Weltmeisterschaft 2014 scheint ein besonderer Teamgeist geherrscht zu haben, wie alle Beteiligten damals und retrospektiv in einer fantastischen ARD-Dokumentation berichteten. Dieser habe die Mannschaft – einer beispiellosen Verletzungsmisere zum Trotz – durch das Turnier und zum Titel getragen. Da ist es also wieder: Der Star ist die Mannschaft. Wenn solch ein Teamspirit geweckt werden kann, dann ist offenbar vieles möglich.

Kicker-freunde.de wünscht der deutschen Nationalmannschaft für das anstehende Turnier viel Erfolg und eine verletzungs- und krankheitsfreie, unvergessliche Zeit.

(Foto: AFP)

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