Zum Tod von Diego Maradona

Zum Tod von Diego Maradona

Diego Maradona ist tot. Was gibt es zu sagen über einen Mann, über den schon tausend Geschichten erzählt wurden? Es bleibt nur ein ganz persönlicher Nachruf.

Wenige Menschen schaffen es, dass ihr Vorname auf der ganzen Welt mit ihnen verbunden bleibt. Heißt du Elvis, dann waren deine Eltern ziemlich sicher Fans des King. Heißt du Diego… Naja, so heißen in Spanien und Südamerika Millionen von Jungen und Männern, und doch – wer assoziiert nicht diesen einen bestimmten Diego, wenn sich jemand mit diesem Namen vorstellt?

Bleibt sein Vorname auf ewig mit ihm verbunden, so ist sein Nachname längst zu einer allgemeinen kulturellen Begrifflichkeit geworden. Schürt irgendwo ein überdurchschnittlich talentierter Fußballer Hoffnungen der Fans, dem man eine große Karriere zutraut, so haben es sich Teile der Presse angewöhnt, „Maradona“ als eine Art Prädikat zu verhängen. So galt in den 90er-Jahren der Wiener Andreas Herzog als der Alpen-Maradona, Gheorghe Hagi als der Karpaten-Maradona und Saeed Al-Owairan, der für Saudi-Arabien bei der WM 1994 ein unfassbares Solo-Tor schoss, als der Wüsten-Maradona.

Beispiellose Heldenverehrung, wo Maradona auch hintrat

Das Turnier in den USA ist auch die erste Erinnerung, die ich zum Original, zu Diego, in meinem Kopf noch finden kann – sein letztes internationales Turnier. Die ganze Welt schaute darauf, ob der alternde Superstar noch die Kondition für ein Spiel auf höchstem Niveau haben würde. Er hatte sie – ich aber noch nicht. 90 Minuten am Fernseher hielt ich noch nicht durch, die Fußballsucht befiel mich erst etwas später. So erinnere ich mich, dass mein Freund Matze nach dem Turnier eine Chronik sein Eigen nennen durfte, in der Diego natürlich ein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Dieses begann in etwa so: „Eigentlich hätte Gabriel Batistuta Argentiniens Star bei dieser WM werden sollen. Drei Tore schoss der Stürmer im ersten Spiel gegen Griechenland. Sein Spitzname war auch schon auserkoren: Batigol. Doch dann kam Maradona…“ Ein Tor von Diego würde immer mehr wert sein als drei eines anderen Ausnahmekönners. Später habe ich erfahren, warum.

Maradona Schrein

Diego soll für Argentinien die WM 1986 quasi im Alleingang gewonnen haben. Nie wieder, so heißt es bis heute, habe ein Spieler einer Weltmeisterschaft derart seinen Stempel aufgedrückt. 1990 hingegen war die deutsche Mannschaft nur deshalb siegreich gewesen, weil man Maradona erfolgreich im Finale neutralisieren konnte. Maradonas Bewacher Guido Buchwald bekam von nun an den Spitznamen „Diego“. Maradonas Pendant Lothar Matthäus wurde in diesem Jahr als letzter Deutscher zum Weltfußballer des Jahres gewählt.

Die Kirche Maradonas verehrt „D10S“

1994 wurden dann jedoch in Diegos Urin verbotene Substanzen nachgewiesen. Sein Ausschluss war die vielleicht prägendste Geschichte des Turniers. Nicht nur in der Nationalmannschaft waren alle Augen auf Maradona gerichtet. Sein argentinischer Stammverein Boca Juniors ist einer der populärsten Vereine Südamerikas. Doch es wird auf ewig „der Klub von Maradona“ bleiben. Noch extremer ist der Kult wohl in Neapel. Nach seinem Triumph bei der WM 1986 führte er mit der vielleicht besten Saison seines Lebens auch den SSC zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte.

Die Folge ist eine bis heute beispiellose Heldenverehrung. Immer wieder wird diese religiös verklärt. Die Ende der 90er-Jahre gegründete Spaßreligion „Kirche Maradonas“ hat Mitglieder auf der ganzen Welt und nennt Maradona „D10S“. Einzig der FC Barcelona hat eine derart große Strahlkraft, dass Maradona nicht die erste Assoziation ist. Trotzdem erzählte der 2015 verstorbene Trainer Udo Lattek gerne die Geschichte, als er Maradona wegen einer Disziplinlosigkeit bestrafen wollte und im Büro seines Präsidenten sagte: „So geht das nicht weiter mit dem Diego.“ Die Antwort: „Richtig, so geht es nicht weiter. Du bist entlassen.“

Wie verkraftet man ein Leben als Übermensch?

Maradona, das hieß also immer Hysterie, immer Verehrung, immer Überholspur. Von dem Moment seiner Entdeckung bis zu seinem Tod. Wo Maradona war, da war Aufmerksamkeit. Wie verkraftet man ein Leben als Übermensch, wenn man doch eigentlich nur ein Mensch ist? In Diegos Fall lautet die traurige Antwort: Nicht so gut. Seit seinem Karriereende in den 90er-Jahren hatte Maradona immer wieder unübersehbare körperliche Probleme, seien sie Substanz- oder Chirurgie-bedingt. Auch für vorbildliches Verhalten scheint ein Leben im Rausch einfach nicht geschaffen. Maradona geriet mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Eine gewisse Nähe zur Halbwelt wurde ihm immer wieder nachgesagt.

Es gibt abertausend Geschichten zu Maradona, doch sie wurden alle bereits erzählt. Das Hand-Tor und das Solo-Tor gegen England. Der ewige Wettstreit mit Pele. Wie er Thomas Müller von der Pressekonferenz wegschicken wollte, weil er ihn für einen Angestellten hielt. Wie er aufgedunsen auf den Ehrentribünen saß und argentinische Tore mit zwei ausgestreckten Mittelfingern bejubelte. All das ist längst erzählt.

Am liebsten erinnere ich mich an jene Momente, in denen man gemerkt hat, dass hinter dem Messias ein Mensch steckte, der einfach den Fußball liebte und sich zeitlebens eine kindliche Freude an dem Sport bewahrt hatte. Während der WM 2010 zeigten beispielsweise Trainingsaufnahmen, wie der damalige Nationaltrainer Maradona beim argentinische Starensemble für gute Stimmung sorgte, in dem er anordnete, dass sich die unterlegene Trainingsgruppe mit ausgestrecktem Hinterteil für die Siegermannschaft zum hierzulande sogenannten „Arschschießen“ aufstellen soll. Eine andere Aufnahme zeigt ihn beim Aufwärmen vor einem Europapokalspiel 1989 in München. Bei dem, was Diego mit offenen Schuhen da mit dem Ball veranstaltet, könnte man Stunden zuschauen.

(Foto: AFP)

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