Nerviger Personenkult, eintöniges Narrativ – Rezension zu "Kroos"

Nerviger Personenkult, eintöniges Narrativ – Rezension zu "Kroos"

Das ZDF hat Sonntagnacht den Kinofilm „Kroos“ gezeigt. Die Kicker-Freunde-Redaktion hat sofort das Popcorn rausgeholt und sich vor dem Fernseher geparkt. Höchste Zeit für einen genauen Check: Was kann die fast zweistündige Dokumentation über Deutschlands besten Ballverteiler?

Fußball-Dokus im Kinoformat sind angesagt, seit Sönke Wortmann die Heim-WM 2006 in „Deutschland – ein Sommermärchen“ verewigt hat. Da es damals leider nicht zum Titel reichte, wurden Wortmann und sein Camcorder in den Folgejahren stetige Begleiter der deutschen Nationalmannschaft. 2014 war es dann endlich soweit und „Die Mannschaft“ konnte erscheinen.

Die Helden von Brasilien sind inzwischen fast alle zurückgetreten (Lahm, Klose, Mertesacker, Schweinsteiger, Höwedes, Schürrle) oder spielen keine Rolle mehr (Hummels, Boateng, Müller, Podolski, Khedira, Özil). Der einzige Feldspieler, der damals wesentlich zum Titelgewinn beitrug und noch heute ungebrochen erfolgreich ist – Toni Kroos.

So lag es nahe, den Mittelfeldstar von Real Madrid auszuwählen, um in einem Biopic mal ganz privat zu werden und darüber hinaus ein wenig hinter die Kulissen des Fußballgeschäfts zu blicken. Doch eignet sich denn Kroos überhaupt für einen abendfüllenden Streifen? Regisseur Manfred Oldenburg war hier offenbar bestrebt, aus der Not eine Tugend zu machen. Deutschland hat keinen Lamborghini fahrenden Adonis zu bieten, keinen Rowdy mit Sreet-Credibility und keinen manisch-genialischen Künstlertypen. Die deutsche Antwort ist ein bescheidener Junge aus Greifswald. Der ist zwar mittlerweile auch ziemlich volltätowiert, hat aber ansonsten nichts Exzentrisches an sich.

Vermeintliche „Abrechnung“ mit den Bayern fällt mau aus

Hier liegt das Problem des Films: Ein Narrativ, das mit einem einfachen Kopfnicken zur Kenntnis genommen werden könnte, muss über 113 Minuten auserzählt werden. Kroos düst nach jedem Spiel sofort ab in den heimischen Bungalow zu seinen Kindern und seiner Frau, die nach vier Jahren in Madrid noch nicht einmal in der Stadt war. Zur Hochzeit hat er seine Liebste mit einer Ballade von PUR angesäuselt. Sein Bruder Felix, selbst Fußballprofi, neidet ihm nichts und andersrum wäre es genauso, wenn Felix der erfolgreiche wäre. Die Großeltern erzählen im Schrebergarten, wie der Toni so war als Kind und Kroos‘ Mutter gibt ihre O-Töne auf der heimischen Couchgarnitur. Bayern sei „zu schicki-micki“ für den Toni gewesen.

Insgesamt fällt die „Abrechnung“ mit dem FC Bayern München, von der im Vorfeld der Veröffentlichung immer wieder mal die Rede war, recht moderat aus. Uli Hoeneß gibt zu, es sei „vielleicht die falsche Entscheidung“ gewesen, Kroos 2014 gehen zu lassen. Der Spielerberater Volker Struth setzt ein Gewinner-Lächeln auf und erinnert sich, wie viel Spaß es damals gemacht habe, Kroos mit dem WM-Titel im Rücken an einen neuen Verein zu vermitteln.

Ansonsten eine Menge Lobhudelei. Diverse Funktionäre und Experten erklären, was ohnehin jeder sieht: Kroos hat eine hervorragende Übersicht, eine ebenso hervorragende Technik und als Konsequenz aus beidem spielt er starke Pässe. Um diese Botschaft immer wieder neu zu verpacken, wird tief in die Metaphern-Kiste gegriffen und der vierfache Champions-League-Sieger wahlweise mit einem Landvermesser oder einem Dirigenten verglichen. Kommentator Marcel Reif leistet Abbitte, er habe Kroos sträflich unterschätzt. Pep Guardiola erklärt, Spieler wie Kroos würden allzu häufig unterschätzt. Zinedine Zidane würde einen wie Kroos niemals ziehen lassen (so wie das die Bayern getan haben).

Lobhudelei geht teilweise ins Absurde

Schließlich philosophiert ein spanischer Journalist vermeintlich bedeutungsschwer aber bei genauerem Hinsehen reichlich sinnfrei: „Wir beurteilen Menschen oft nach ihrem Äußeren. Aber bei Toni Kroos würde ich das nie machen.“ Ein Geheimnis bleibt auch, warum ausgerechnet Popstar Robbie Williams zu Protokoll geben darf, selbst niemals solche Pässe wie Kroos spielen zu können (wer hätte das geahnt?) und dass Real Madrid ihm das Gefühl gebe, ein zu kleines Gemächt zu besitzen.

Überhaupt nimmt die verbale Verehrung im Film teilweise absurde Züge an. Etwa wenn die Tatsache, dass Kroos sich beim verlorenen Champions-League-Finale 2012 vor dem Elfmeterschießen drückte, als Erfolgsgeschichte verkauft werden soll. Auch die misslungene Weltmeisterschaft 2018 wird aufgegriffen. Das Vorrundenspiel gegen Schweden hätte doch so gut als große Comeback-Story gedient.

Visuell hat die Dokumentation einiges zu bieten

Durch einen Fehlpass leitete „ausgerechnet“ das Pass-Genie Kroos den Führungstreffer des Gegners ein. Dass dieser nach dem Ballverlust noch von mehreren deutschen Spielern hätte verhindert werden können, ignorieren die Kommentatoren, als sie erklären, Kroos wäre sicherlich von der Öffentlichkeit allein für eine etwaige Niederlage verantwortlich gemacht worden. Nach dem deutschen Ausgleich zeigte Kroos jedoch in der 95. Minute ein einzigartiges Kabinettstück und erzielte mit einem spektakulären Freistoß noch den so wichtigen Siegtreffer – was für eine Geschichte! Dass Kroos sich Minuten später im Interview reichlich weinerlich gab und die Mannschaft wenige Tage später mit einer Niederlage gegen Südkorea trotzdem ausschied, bleibt nur eine Randnotiz.

Natürlich ist nicht alles schlecht an „Kroos“. Die größte Stärke des Films sind einige beeindruckende Bilder. Darunter die Einfahrt des Mannschaftsbusses von Real Madrid am Estadio Bernabeu mit Begrüßung der leidenschaftlichen Fans. Einige wunderschön gefilmte Spielszenen werden ebenfalls spendiert. Interessant auch die Backstage-Impressionen einer pompösen Fifa-Gala, als Kroos von Diego Maradona geherzt wird oder Messi und Neymar begrüßt, die am Nebentisch herumalbern und sich offenbar tatsächlich mögen. Aber trotz dieser starken Sequenzen überwiegt hier , dass hier auf Biegen und Brechen künstlich ein Idol aufgebaut werden soll. Kroos ist ein Weltklasse-Fußballer, daran besteht kein Zweifel. Jeglicher Personenkult wirkt jedoch reichlich deplatziert.

(Bild: Offizielles Filmposter / IMDB)

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