Woher kommt das Favre-Bashing?

Woher kommt das Favre-Bashing?

Lucien Favre ist mit Borussia Dortmund auch in dieser Saison wieder oben dran. Insgesamt blickt er auf eine stolze Laufbahn zurück. Trotzdem sehen viele selbst ernannte Experten den Schweizer Trainer anscheinend als Freiwild an, um sich mal ein bisschen lustig zu machen. Woher kommt dieser Freifahrtschein zum Favre-Bashing?

Am frühen Samstagabend im Auto zu sitzen, hat etwas für sich. Schnell erahnt man, dass im sonst peripher dudelnden Radio plötzlich über Fußball gesprochen wird. Der Außenreporter der ARD Bundesliga-Konferenz bringt schon in der Anmoderation des „Topspiels“ ein wenig Stadionatmosphäre rüber. Also schnell die Lautstärke hochgedreht!

Kompetenz bei Hertha und Gladbach nachgewiesen

Das „Revierderby“ zwischen Dortmund und Schalke stand diesmal an. Reporter Stephan Kaußen verkündete feierlich, dass Lucien Favre doch tatsächlich Marco Reus erst einmal auf die Bank setze. Das gebe ja Rätsel auf, jubilierte der ARD-Mann in einem Ton, als würde sich ein Mittelstufenschüler über die Tollpatschigkeiten des Klassentrottels lustig machen. Er schob den vorbereiteten Gag hinterher: „Lucien Favres Gedankengänge hat Favre ja oftmals exklusiv“. Das Moderatorenduo im HR1-Studio schmunzelte hörbar.

Auch wenn Kaußen nebenbei eine Professur an der Hochschule Macromedia innehat, verwundert diese Anmaßung gegenüber einem der profiliertesten Trainer mindestens der Bundesliga, wenn nicht gar international. Allein in der Bundesliga hat Favre seine Kompetenz deutlich nachgewiesen. Viele scheinen bereits vergessen zu haben, dass er aus der grauen Maus Hertha BSC einen Meisterschaftskandidaten machte oder Borussia Mönchengladbach in einer scheinbar ausweglosen Situation vor dem Abstieg rettete und anschließend in die Champions League einzog.

Kritik an Favre ist substanzlos

Beim BVB ist Favre aktuell der Trainer mit dem besten Punkteschnitt der Vereinsgeschichte. Es gibt also wenig Grund, seine Kompetenz in Frage zu stellen. Rein inhaltlich ist Kaußens Kritik substanzlos. Sicher, dass Favre gegenüber dem schwachen Spiel in Rom etwas an der Aufstellung verändere, sei ja verständlich. Aber ausgerechnet Marco Reus im wichtigen Spiel gegen Schalke draußen zu lassen, das könne doch nicht angehen.

Natürlich ist Reus ein Ausnahme-Fußballer. Doch zur Erinnerung: An seiner statt spielten am Samstagabend Jadon Sancho, Julian Brandt und Giovanni Reyna. Allesamt Ausnahme-Fußballer, die allesamt Spielminuten haben wollen. Reus wurde in der 77. Minute gemeinsam mit Thorgan Hazard eingewechselt. Jude Bellingham kam überhaupt nicht zum Einsatz. Nicht zu vergessen ist das schwere Champions League Spiel, das der BVB schon am Mittwoch gegen Zenit St. Petersburg bestreitet. Ein wenig Belastungssteuerung für die Leistungsträger ist also durchaus angebracht.

Der BVB gewann das Ruhrpott-Derby mit 3:0 gegen chancenlose Schalker. Sport-Professor Kaußen hatte 1:1 getippt. Es wäre ein wenig Demut angebracht gegenüber Favre, doch Kaußen scheint kein Einzelfall. Immer wieder wird Favre Objekt von mauen Gags, die Fernsehpersönlichkeiten während der einschlägigen Fußball-Talks süffisant ins Weizenglas hauchen. Die Gründe dafür scheinen vielfältig.

Favre gilt als perfektionistischer Zauderer. Nie ganz zufrieden mit dem Status Quo und daher auch mit sich nicht. In Mönchengladbach lag ihm der ganze Verein zu Füßen, dafür, wie Favre ihn gestaltet hatte. Heute weiß man, dass er bereits vor seiner Flucht 2015 mehrfach das Handtuch werfen wollte, weil er glaubte, die Mannschaft nicht mehr nach seinen Wünschen weiterbringen zu können.

„Schnauze halten und applaudieren“

Menschen mit chronischen Beobachter-Jobs, wie etwa Journalisten, wittern solche Selbstzweifel und interpretieren sie bisweilen als Schwäche. Man würde Favre ein wenig des überbordenden Selbstbewusstseins eines Otto Rehhagels wünschen, der Journalisten bei kritischen Fragen empfahl, sich zu verhalten, wie in der Oper: „Schnauze halten und applaudieren“.

Allerdings muss man auch die Dortmunder Verantwortlichen in die Pflicht nehmen. Zu oft schon hörte man, Favre sei ja nunmal kein Typ wie Jürgen Klopp, mit dem Watzke und Zorc eine abendliche Skatrunde spielen könnten. Nein, das ist Favre in der Tat nicht. Als Trainer ist zumindest sein Punkteschnitt besser als der von Klopp. Trotzdem war er in der vergangenen Saison nach drei Unentschieden bereits gefühlt entlassen. In seinen zwei Jahren hat er den Bayern die Meisterschaft nicht streitig machen können, doch das konnten BVB-Trainer schon seit acht Jahren nicht mehr – und damals auch nur, weil der FCB geschwächelt hat.

Der BVB hat einen großartigen Trainer. Man sollte sich gemeinschaftlich bemühen, ihn stärker zu positionieren. Nur wenn nicht permanent Zweifel durch alle Ritzen dringen, kann der Verein mittelfristig Titel gewinnen.

(Foto: AFP)

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